Makkabi Duetschland reist mit DFB nach Israel

Beeindruckende Erlebnisse in Beit Berezin für DFB U18-Nationalmannschaft

DFBPeter Erben betritt den Raum mit gemischten Gefühlen. Das winkelförmige Gebäude ist der Stadtmauer Theresienstadts nachempfunden. Auf dem Boden abgelichtet ist der Lagerplan des ehemaligen Konzentrationslagers. Die Erinnerungen an die schlimmste Zeit seines Lebens werden wach. „Hier sind wir zur Ruhe gekommen, wenn man das überhaupt so nennen kann“, erzählt Erben und zeigt auf eine der abgebildeten Baracken auf dem Boden. „Und hier, auf dem Kasernenplatz, hier haben wir Fußball gespielt.“

Der heute 92 Jahre alte Holocaust-Überlebende ist nach Beit Terezin (übersetzt Haus Theresienstadt) im Kibbutz Giv’at Hayyim Ihud gekommen, um die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes auf ihrer diesjährigen Israelreise zu begrüßen und ihnen über die „Liga Theresienstadt“ zu erzählen, einer Fußballliga im Ghetto-Alltag.

Peter Erben war ein Sportsmann durch und durch. In seiner Jugend spielte er Fußball Eishockey, machte Leichtathletik, fuhr Ski. Im September 1941 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Erben konzentrierte sich im Lager auf das, was er am besten konnte, den Sport. „Ich war jung und meine Tätigkeit im Lager war Gott sei Dank keine harte körperliche Arbeit. Ich hatte großes Glück, mich sportlich betätigen zu können. Von Zeit zu Zeit erhielt ich sogar eine Extraration Essen. Diejenigen, die keine „jüdische Nase“ hatten, bekamen manchmal ein bisschen mehr.“

Erben erzählt der DFB-Delegation über die Zeit im Ghetto. Es wurden zwölf Fußballmannschaften organisiert. Die Teams bildeten sich aus den Herkunftsländern oder den Berufsständen der einzelnen Spieler. „Metzger und Köche“,„Kleiderkammer“ oder „Fortuna Köln“ hießen die Mannschaften, die aus jeweils sieben Spielern bestanden und gegeneinander antraten. „Der Fußball erzeugte ein gutes Gefühl. Er diente dazu, die Sportler und Zuschauer für ein wenig Zeit abzulenken von den Schrecken des Alltags voller Hunger, Krankheiten, Schikanierungen und Tod. Der Fußball hat uns Kraft gegeben in unserem psychologischen und physischen Überlebenskampf“,schildert der 92-Jährige.

Die Nationalsozialisten missbrauchten die Initiative der jüdischen Häftlinge zu eigenen Propagandazwecken. Es wurde sogar eine Dokumentation gedreht. Die Botschaft: Den Bewohnern Theresienstadts geht es gut. Sie spielen sogar Fußball. Alles ist hier ganz normal. „Das war es aber nicht, ganz und gar nicht“ schildert Zvi Cohen, ebenfalls ein ehemaliger Häftling, die Situation im Lager. Für die Aufnahmen wurden diejenigen, die neu ins Lager kamen und gesund aussahen, in die erste Reihe gestellt. „Das Essen, das wir vor laufender Kamera erhielten, schlugen die Nazis uns anschließend wieder aus der Hand. Die Menschen leckten vor Hunger den Boden auf“, erinnert sich Cohen.

Sichtlich beeindruckt folgt die DFB-Delegation um DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, zu der erstmals auch der Präsident von Makkabi Deutschland, Peter Guttmann, Vizepräsident Roger Nussbaum und das kooptierte Präsidiumsmitglied Roy Rajber angehören, den Ausführungen der Zeitzeugen. „Es ist unvorstellbar, wie der Fußball damals zu abscheulicher Propaganda missbraucht worden ist“,sagt Guttmann: „Die Geschichte von Peter Erben und Zvi Cohen sind uns eine Mahnung und Aufforderung, uns als Sportler immer dann einzusetzen, wenn jemand aufgrund seiner Religion oder Herkunft diffamiert wird.“

Der Besuch in Beit Terezin ist eines vieler emotionalen Momente einer Reise, die beim DFB bereits eine kleine Tradition genießt und insbesondere für die Vertreter des jüdischen Sports in Deutschland sehr bewegend ist.

Die U 18-Junioren nehmen in diesen Tagen gemeinsam mit Serbien am Winterturnier des israelischen Fußballverbandes teil. Allein die prominente Delegation um DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und die DFB-Vizepräsidenten Hermann Korfmacher, Dr. Rainer Koch, Dr. Hans-Dieter Drewitz und Sportdirektor Robin Dutt lässt aber erahnen, dass es sich bei dieser Reise um mehr als eine sportliche Mission handelt. Und die jungen Nationalspieler wissen, dass sie auf dieser Reise auch als Repräsentanten ihres Landes wahrgenommen werden.

Geboren wurde die Idee einer sportlich-kulturellen Israelreise der Junioren-Nationalmannschaft 2007 - das Los hatte die deutsche und die israelische U 21 in der Qualifikation zur Europameisterschaft zusammengeführt. Ein Jahr später, anlässlich des 60. Geburtstages des Staates Israel, nahm die U 18-Nationalmannschaft erstmals am Winterturnier teil. Immer in der Woche vor Weihnachten, so will es eine Vereinbarung. Das milde Klima bietet auch im Winter beste Spiel- und Trainingsbedingungen. Seit fünf Jahren besucht der DFB mit seiner U 18-Nationalmannschaft den jüdischen Staat.

Bereits vor der Abreise hat der DFB zu einem Vorbereitungsabend in die Frankfurter Zentrale eingeladen. Thema: Israel gestern und heute, mit Schwerpunkt auf der deutsch-israelischen Fußballgeschichte. Auch über Julius Hirsch wurde gesprochen, den deutschen Nationalspieler jüdischen Glaubens, der fast im gleichen Alter wie die Spieler heute, mit 19 Jahren, das Trikot mit dem Adler überstreifte. 1943 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

Das alles wissen die Spieler, als sie an diesem schönen milden Wintertag ais dem, Bus steigen. Als sich die Mannschaften am frühen Vormittag treffen, liegt der Vorplatz von Yad Vashem schon in der Sonne. Der Himmel über den Hügeln von Jerusalem ist so blau wie die Trainingsanzüge der Israelis.

An den beiden Vortagen haben sie noch gemeinsam auf dem Fußballplatz gestanden, 4:1 haben die U 18-Junioren aus Deutschland gegen die Israelis gespielt. Hätten sie nicht diese Trainingsanzüge an – weiße die Deutschen, ihre israelischen Altersgenossen in diesem schönen Blau und die serbische Auswahlmannschaft in Silber - dann könnte man sie für ganz normale Schulklassen halten, wie sie jeden Tag zu Dutzenden vor der Holocaust-Gedenkstätte warten, die wie die ganze Stadt aus diesem sandfarbenen Jerusalem-Stein gebaut ist. Aber es sind Fußballmannschaften, die besten Nachwuchsspieler ihres Landes.

In kleinen Gruppen werden die Spieler durch die Ausstellung geführt. Es gibt nur einen Weg, den alle Besucher bis zum Ende gehen müssen. Immer wieder kreuzt er die zentrale Betonschlucht, die gegen Ende hin immer enger wird und nur einen schmalen Streifen Licht lässt. Zu Beginn steht eine Filminstallation, die das jüdische Leben Ende der 20-er Jahre in Europa zeigt. Man sieht fröhliche junge und alte Menschen auf den Plätzen der Städte tanzen und musizieren.

Die jungen Nationalspieler sind still geworden. Konzentriert hören sie den Worten der Museumspädagogen zu, schauen in Vitrinen, sehen Hakenkreuzfahnen, erschütternde Fotos. Die Bedrückung ist bei jedem einzelnen spürbar. Die Ausstellung endet mit der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten und dem Gesang der Häftlinge der israelischen Hymne „Hatikva“(übersetzt: die Hoffnung). Der Lichtspalt am Ende der Betonschlucht hat sich in eine Balustrade geweitet, von der aus die Jugendlichen über die waldigen Hügel von Jerusalem blicken. Er ist wie eine Befreiung.

Pascal Itter, Spielführer der U 18-Nationalmannschaft, braucht eine Weile, bis er wieder Worte findet. „Wir sind hergekommen, um Fußball zu spielen“,sagt er. „Aber die Einblicke gehen weit über das Sportliche hinaus. Es ist wichtig, durch die Geschichte zu lernen, die Bilder zu sehen, das ist sehr eindringlich.“

Gemeinsam mit den Mannschaftsführern der beiden anderen Nationalverbände legt Itter ein wenig später Blumengebinde am Janusz Korczak-Denkmal für die Kinder nieder. Hier haben sich die jungen Nationalspieler versammelt, um gemeinsam den Opfern zu gedenken. Sie werden dazu beitragen, dass sich so etwas nie wiederholen kann. Keine Toleranz für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. „Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung“, appeliert DFB-Präsident Wolfgang Niersbach anschließend an die Spieler. „Nehmt die Botschaft, die hier vermittelt wird mit in eure Heimat, in euer Umfeld, in euren Verein. Setzt euch ein, wenn jemand diskriminiert wird.“

Im Anschluss steht die Besichtigung der Altstadt von Jerusalem auf dem Programm. Die Klagemauer, die Grabeskirche. Für die Mitglieder von Makkabi Deutschland endet der Aufenthalt mit einer kleinen Dankesrede beim Abendessen. „Wir sind sehr dankbar für die Möglichkeit, diese Reise mit dem DFB zu machen“, fasst Guttmann kurz vor dem Flug zurück nach Deutschland. zusammen. „Und wir hoffen, dass das nicht das Ende, sondern erst der Anfang sind in den Beziehungen zwischen dem DFB und Makkabi Deutschland.“

Bildergalerie